Wir haben nun vierzehn Kapitel lang versucht, uns der Beantwortung dieser Frage objektiv anzunähern, indem wir Kennzahlen und Metriken definiert, Kennzahlen berechnet und verglichen haben.
Können wir die Ausgangsfrage jetzt klar beantworten? Gerade heraus gesagt: das können wir nicht. Zwar haben wir viel gelernt, worauf wir weiter unten noch eingehen werden. Aber viele Ungewissheiten sind uns erhalten geblieben:
- auch das beste Schachprogramm, das wir zur Analyse benutzt haben und das jeden Weltmeister leicht schlägt, ist nicht perfekt und kann sich irren, zumal wenn es den tieferen langfristigen Plan eines Spielers nicht erkennt. Das Risiko hierfür ist in der Praxis zwar nicht extrem groß, aber eine gewisse Unsicherheit bleibt bestehen.
- wir konnten aus Kapazitätsgründen nicht sämtliche Meisterpartien analysieren, sondern mussten uns mit einer zufälligen Auswahl von ca. 350 Partien pro Spieler begnügen. Zudem haben wir uns ein zeitliches Limit von maximal 15 Sekunden Analysezeit pro Zug auferlegen müssen. Möglicherweise fallen ohne diese Einschränkungen die Ergebnisse doch signifikant anders aus. Wir wissen es nicht.
- unsere Partiensammlung ist nicht frei von Mängeln. Gerade bei älteren Partien-Sammlungen besteht ein hohes Potential an Duplikaten und unvollständiger oder gar fehlerhafter Aufzeichnung. Oft fehlen Spieldatum oder die Zuordnung der Gegner ist nicht korrekt. Damit sind negative Einflüsse auf den Wert unserer Analysen nicht ausgeschlossen.
- wir haben die Software als Grundlage unserer Analysen sorgfältig entworfen und getestet. Trotzdem besteht die Gefahr von Codierungsfehlern, sowohl bei der Analyse wie auch den nachfolgenden Auswertungen.
- die größte Unsicherheit besteht aber von Seiten der Spieler selbst. Kann man ernsthaft einen Berufsspieler, der das Spiel mit 5 Jahren erlernt hat und danach systematisch mit Hilfe von Trainern, umfangreichster Schachliteratur, Computer-Unterstützung und unzähligen Turnieren zum dreizehnjährigen Großmeister aufgebaut wurde, mit einem Gelegenheitsspieler vergleichen, der ohne jede Unterstützung von außen zusätzlich noch Ausbildung und Beruf für seinen Lebensunterhalt und den seiner Familie stemmen musste? Keinem der frühen Schach-Heroen wie Staunton, Anderssen, Morphy, Steinitz, Lasker oder Capablanca war es vergönnt, sich überwiegend oder gar ausschließlich dem Schachstudium widmen zu können.
Einen groben Anhaltspunkt dazu gibt uns die Anzahl ernsthaft gespielter Partien. Während Paul Morphy lediglich ca. 50 ernsthafte Partien im Laufe seiner kurzen Karriere spielte, so beträgt deren Zahl bei der aktuellen Schachelite 3000 bis über 4000 Partien! Wir können daher nur erahnen, welche Möglichkeiten unter gleichen Voraussetzungen bestanden hätten. - frühere Gegner, vor allem die des 19. Jahrhunderts, spielten vergleichsweise schwach oder gar stümperhaft – das konnten wir immerhin nachweisen. Es stellt sich dabei die Frage, ob Spieler wie Anderssen, Morphy und Steinitz überhaupt in der Lage gewesen wären, ihre Spielweise den heutigen Anforderungen anzupassen. Eventuell hat ihre Strategie und Taktik nur zu den damaligen Bedingungen funktioniert, aber geduldiges modernes Positionsspiel zur Erlangung winziger Vorteile wäre ihnen nie in den Sinn gekommen. Wir werden später darauf zurückkommen.
Errungenschaften
Glücklicherweise können wir auf der Haben-Seite unserer Analysen auch Einiges vorweisen:
- indem wir potentiell bekannte Schachstellungen (hauptsächlich Eröffnungszüge) aus der Bewertung genommen haben, konnten wir uns tendenziell auf die Fähigkeiten anstatt auf das bloße Wissen der Spieler fokussieren. Man muss zwar annehmen, dass Neuerungen in modernen Meisterpartien nicht spontan am Brett, sondern unter Einsatz ausgiebiger häuslicher Analyse und Computerhilfe ausgetüftelt wurden. Aber das tut unserem Ansatz keinen Abbruch, sondern zeigt nur die Notwendigkeit gewissenhafter Vorbereitung auf ein Match auf, um heutzutage als Top-Spieler bestehen zu können.
- wir nutzen weitgehend etablierte Metriken zur Zug- und Spiel-Bewertung. Damit gehen wir einen großen Schritt in Richtung einer rein objektiven Spieler-Einschätzung.
- sämtliche Partien wurden mit der selben Rechenpower analysiert. Damit ist auch ein hohes Maß an Vergleichbarkeit gewährleistet. Darüber hinaus wurden alle Einzelschritte hier erklärt und dokumentiert. Anhand des in einem öffentlichen git-Repository hinterlegten Programm-Codes können unsere Ergebnisse nachvollzogen, eventuell auch verbessert und ausgeweitet werden.
Erkenntnisse
Was haben wir nun also gelernt? Wissen wir jetzt mehr als zuvor? Gehen wir die Ergebnisse unserer Arbeit der Reihe nach durch…
- auffällig war als Erstes die signifikant höhere Scoring-Rate von Paul Morphy im Vergleich zu den Mitbewerbern.
- als Nächstes haben wir erfahren, dass niemand so schnell wie Morphy seine Gegner besiegt und sich so lange gegen Niederlagen gewehrt hat. Die dazu von uns definierten Kennzahlen sind zwar nicht etabliert, aber erscheinen uns trotzdem interessant und sind vor allem durch Fakten gestützt.
- um die Aussagegültigkeit unserer gezogenen Stichproben zu untermauern, verglichen wir diese anhand der Scoring-Raten mit der Gesamtzahl aller Spiele. Das Ergebnis erschien uns hinreichend positiv.
- in Kapitel 14 verglichen wir zunächst die Raten der Zugbewertungen von ‚ENGINE‘ bis ‚BLUNDER‘. Dabei schnitten die aktuellen Spitzenspieler wie Carlsen und Ding erwartungsgemäß am besten ab, und das ungeachtet ihres Wissensvorsprungs, insbesondere bei Eröffnungssystemen. Durch die damit verbesserte Vergleichbarkeit haben wir den Aussagegehalt dieser Kennzahl merklich erhöht.
Was uns aber wirklich überrascht hat, war, wie gering der Abstand zwischen alten und neuen Meistern teilweise ist. Insbesondere beim Anteil der Züge mit ‚ENGINE‘-Bewertung liegt Paul Morphy praktisch gleichauf mit Anatoly Karpov, einem Berufsspieler, der über 100 Jahre nach Morphy als Weltmeister regierte und 80mal mehr Spielpraxis besaß!! Doch nicht nur das – dazwischen liegt auch ein in mehr als 100 Jahren gereifter Wissenszuwachs an positioneller Strategielehre. Und genau dieser erworbene positionelle Wissensvorsprung ist in den Algorithmen moderner Schachcomputer verdrahtet und wird damit zum Maßstab der vorliegenden Zugbewertungen. Das ist etwa so, als würde man morgen das Grab von Isaac Newton öffnen und dabei Notizen zur modernen Quantenmechanik finden – es wäre schlicht eine Sensation. Oder um es mit den Worten keines Geringeren als Bobby Fischer auszudrücken:
PAUL MORPHY. Perhaps the most accurate player who ever
lived, he would beat anybody today in a set-match. He had
complete sight of the board and seldom blundered even
though he moved quite rapidly. I've played over hundreds of
his games and am continually surprised and entertained by
his ingenuity.
-- Bobby Fischer (1964)
- Doch zurück zu den Fakten. Wenn man den Anteil schlechterer Züge (‚INACCURATE‘, ‚MISTAKE‘, ‚BLUNDER‘) im Vergleich betrachtet, ist zu erkennen, dass heutige Spieler auffallend weniger schwere Fehler begehen. Auch die Zahl der Ungenauigkeiten ist größtenteils rückläufig. Erstaunlich ist hier vor allem, dass Paul Morphy mit 4,13% die höchste Quote an Ungenauigkeiten aufweist. Was könnten die Gründe dafür sein? Bekanntlich spielte Morphy sehr schnell, er dachte selten mehr als 5 Minuten über einen Zug nach. In der zweiten Partie gegen Louis Paulsen 1857 zog Morphy z.B. nach einem gewinnbringendem Turmopfer versehentlich einen geplanten Zug zu früh und musste sich später mit Remis begnügen. Die gesamte Partie dauerte 15 Stunden – Paulsen war als extrem langsamer Spieler bekannt und eine Zeitkontrolle gab es damals noch nicht. Das muss den Schnelldenker Morphy einigermaßen frustriert haben. Eventuell hat er in solchen Situationen schlicht die Konzentration verloren.
Morphy suchte stets den energischsten Zug und investierte fast immer Material für Tempo und aktives Spiel. Er spielte gegen schwächere Gegner dabei oft „minderwertige“ Eröffnungen wie das Königs-Gambit, Evans-Gambit oder Philidor-Gegen-Gambit.
Und er spielte diese Eröffnungen nicht, weil er es nicht besser wusste (gegen starke Gegner konnte er sehr solide und geduldig spielen, vor allem gegen geschlossene Eröffnungen wie gegen Harrwitz nach anfänglich drei Niederlagen), sondern weil sie geradewegs zu offenen Stellungen führten, in denen er seine kombinatorische Überlegenheit ausspielen konnte.
Es ist klar, dass aktuelle Schach-Engines solche Züge mindestens als Ungenauigkeiten abstrafen.
Man denke an die geniale Partie gegen Henry Bird 1858. Morphy opfert völlig überraschend zunächst seinen Turm und im nächsten Zug sogar seine Dame. Morphy siegte spektakulär. Dabei war das Opfer in dem Sinne nicht korrekt, dass Bird bei bestem Spiel das Remis hätte halten können. Gleichzeitig war Morphy vor dem Opfer einen Bauern im Vorteil und hätte das Spiel auf die langweilige und geduldige Art vermutlich sicherer gewinnen können. Aber damit wäre der Schachwelt ein wahres Schach-Juwel verloren gegangen. - Die Erkenntnis, dass im modernen Schach von heute viel genauer entlang der optimalen Züge gespielt wird, dürfte niemanden überraschen. Dies trifft sowohl auf die untersuchten Spieler wie auch auf deren Gegenspieler zu. Überraschend ist allenfalls, dass Spieler wie Smyslov oder Spasski aus der Vor-Computer-Zeit hinsichtlich ihrer ACPL-Bewertung fast auf dem selben Niveau spielten wie die Spitzenspieler von heute.
- Wenn man die gegnerischen ACPL-Werte über die Zeit betrachtet, wird der Fortschritt der allgemeinen Spielstärke im Lauf der Zeit noch sichtbarer. Die meisten Gegner von Steinitz, Morphy und Staunton wären heute vermutlich von durchschnittlichen Club-Spielern zu bezwingen.
- Was die Spiel-Konstanz unserer gewerteten Schach-Weltmeister betrifft, ist ebenfalls ein allgemeiner Trend zu geringeren Schwankungen zwischen guten und schlechten Zügen in einer Partie im Laufe der Zeit festzustellen. Allerdings stellt man auch individuelle Besonderheiten fest. So hatten wir bereits festgestellt, dass D. Gukesh hier deutlich zurückfällt. Auf der anderen Seite liegt Paul Morphy, was den Anteil der Partien mit den konstantesten Zügen betrifft, auf dem sehr guten vierten Platz, fällt aber doch relativ weit zurück, wenn man die grünen Balken-Segmente der „guten“ Werte insgesamt betrachtet. Hier ist, wie bereits erwähnt, Tigran Petrosian führend, während der Risiko-Spieler Tal überraschenderweise ebenfalls einen Spitzenplatz einnimmt.
- Die Verteilung der gegnerischen Spielkonstanz entspricht weitgehend unserern Erwartungen und unterstreicht noch einmal das schwache Spiel insbesondere der Gegner im vorletzten Jahrhundert sowie die Tatsache, dass Paul Morphy seine Partien größtenteils gegen Amateure bestritt.
Ausblick
Auch wenn wir letztlich die Antwort auf die Frage nach dem größten Schachspieler schuldig bleiben mussten, so konnten wir hoffentlich wenigstens einen Anstoß geben, der Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen in Richtung einer objektiven Spieler-Bewertung sein kann.
Was bleibt zu tun? Wünschenswert wäre eine vollumfängliche Analyse aller Partien der besten Spieler, gerne mit mehr Computer-Power für tiefere Analysen. Vor kurzem ist auch eine verbesserte Version 18 von Stockfish erschienen, die eventuell noch genauere Resultate erzielen kann. Ganz wichtig erscheint uns eine bessere Qualitätskontrolle bei freien Partiensammlungen wie Lumbra’s Gigabase, denn mit falschen Daten gelangt man auch zu falschen Ergebnissen.
Desweiteren wünschen wir uns die Exploration anderer interessanter Kennzahlen wie Brillanz oder Spielschärfe nach einer einheitlichen Definition – wir hatten das Thema nur kurz angerissen.
Wir hoffen, dass andere interessierte Entwickler unseren Ansatz aufgreifen und weitere Resultate erzielen.
Viel Spaß dabei! 🙂